Mehr als 3 Fragen an Steffen Hess
NEWSLETTER März 2026 - Seite 2
NEWSLETTER März 2026 - Seite 2
Mein wichtigster Rat lautet: Einfach machen. Nicht warten, bis alles perfekt ist - anfangen, lernen, verbessern.
Außerdem:
1. Klein starten, groß denken. Erste schnelle Erfolge erzeugen Motivation und Akzeptanz.
2. Verwaltungsmitarbeitende und die Menschen in der Kommune früh einbinden.
Nur was Menschen wirklich brauchen, setzt sich durch.
3. Beispiel Karben (22.600 Einwohner in Südhessen):
Dort hat man klein, pragmatisch und wirkungsorientiert angefangen, erstmal geschaut „was haben und machen wir denn schon überall“ - „Fortschrittsbericht und Roadmap“ haben sie es genannt und schlank die drei Handlungsfelder IT-Infrastruktur, Digitale Verwaltung und Digitale Stadt analysiert. Strategische Konsequenzen für die Stadt abgeleitet und schon kann es los gehen. Genau so kann man starten und dadurch eine nachhaltige Dynamik erzeugen.
Wirkungsmessung in der Smart City beginnt immer mit der Frage, welchen konkreten Nutzen ein Projekt für Menschen, Verwaltung oder Daseinsvorsorge stiftet. Anstatt lediglich zu erfassen, dass eine Maßnahme umgesetzt wurde, geht es darum, welchen Unterschied sie macht. Dafür braucht es klare Ziele, die sich an realen Herausforderungen orientieren und nicht an Technologieinteressen. Eine gute Wirkungsmessung verbindet quantitative und qualitative Indikatoren: Nutzungszahlen, Bearbeitungszeiten, Erreichbarkeit oder Ressourcenersparnisse sind ebenso wichtig wie Rückmeldungen der Bürgerinnen und Bürger oder Erkenntnisse aus Beteiligungsformaten. Entscheidend ist, dass Kommunen Wirkung entlang ihres strategischen Leitbilds erfassen – also prüfen, ob Projekte zur Verbesserung von Lebensqualität, Teilhabe, Nachhaltigkeit oder Verwaltungsleistung beitragen. Gleichzeitig sollte Wirkungsmessung pragmatisch gestaltet sein: wenige, aber relevante Kennzahlen, die kontinuierlich gemessen und regelmäßig reflektiert werden. Besonders hilfreich ist eine übergreifende Messlogik, die verschiedene Projekte miteinander vergleichbar macht und Priorisierungen erleichtert. Wirkungsmessung wird so zu einem Instrument, das Kommunen befähigt, Entscheidungen datenbasiert zu treffen, Ressourcen gezielt einzusetzen und erfolgreiche Ansätze zu skalieren. Am Ende geht es immer darum, nicht die Technologie zu messen, sondern ihren Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Kommune.
Damit die Digitalisierung in den Kommunen weiter an Fahrt aufnimmt, braucht es aus meiner Sicht mehrere Dinge, die zusammenspielen müssen.
Erstens: Klare und verlässliche Ressourcen – finanziell, personell und organisatorisch. Digitale Transformation lässt sich nicht mit Projektbefristungen oder wechselnden Verantwortlichkeiten stemmen.
Zweitens: Kompetenzen bündeln.
Wir müssen weg vom „jeder macht alles ein bisschen“ hin zu gezielten Kompetenzzentren – innerhalb der Verwaltung, aber auch interkommunal. Wenn Know-how gebündelt wird, entstehen Geschwindigkeit und Qualität.
Drittens: Vertrauen und Zusammenarbeit stärken.
Digitalisierung ist ein Mannschaftssport. Kommunen profitieren enorm davon, voneinander zu lernen, Lösungen zu teilen und gemeinsam Standards zu schaffen. Dort, wo Vertrauen wächst, wächst auch die Geschwindigkeit.
Viertens: Steuerung nicht nur auf kommunaler Ebene.
Wir brauchen auch auf den übergeordneten Verwaltungsebenen – z. B. in Ländern und beim Bund – eine klare, konsistente Steuerung. Zu viele Strategien, Verantwortlichkeiten, Programme und Schnittstellen führen zu Reibungsverlusten. Einheitliche Leitplanken helfen Kommunen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Fünftens: Hilfe zur Selbsthilfe.
Gerade kleinere Kommunen brauchen pragmatische Unterstützung, die sie befähigt, langfristig eigenständig zu arbeiten: Vorlagen, Standards, Tools, Leitfäden, Austauschformate. Keine fertigen Lösungen, die nie passen, sondern Unterstützung zur eigenen Umsetzungskompetenz.
Und sechstens: Zeit.
Digitale Transformation ist kein Sprint. Systeme, Organisationen und Kulturen verändern sich nicht über Nacht. Wenn wir Kommunen ermöglichen, stabil und kontinuierlich zu arbeiten, dann kommt die Geschwindigkeit von selbst.
… und ja man könnte die Liste noch beliebig weiterführen.
Landkreise sind aus meiner Sicht echte Hebelräume:
– Sie können kommunale Services bündeln,
– Datenräume über Gemeindegrenzen hinweg schaffen,
– zentrale Plattformen bereitstellen,
– und kleinere Kommunen unterstützen, die keine eigenen Digitalteams haben.
Im Projekt Smarte.Land.Regionen haben wir gesehen, wie stark Landkreise wirken können, wenn sie regional denken und kommunale Bedarfe integrieren.
Landkreise sind damit ein entscheidender Faktor für eine gleichwertige digitale Daseinsvorsorge.
Wenn man ehrlich ist, muss man aber auch hier den Finger etwas in die Wunde legen. Ich frage auch heute noch häufig Kommunen, ob und wie sie mit dem eigenen Landkreis im Thema zusammenarbeiten. Leider hört man hier noch viel zu oft: „eigentlich gar nicht, der Landkreis hindert uns eher Fahrt aufzunehmen“. Das finde ich dann wirklich schade und nehme dann für mich mit, dass hier noch ein Weg zu gehen ist.
Der ländliche Raum braucht vor allem:
1. Lösungen, die wirklich zu ihm passen — nicht Kopien urbaner Ansätze.
2. Mobile und digitale Dienste, die Wege sparen und Daseinsvorsorge sichern.
3. Regionale Zusammenarbeit, z. B. zwischen Landkreis, Kommunen und Zivilgesellschaft.
4. Bezahlbare Lösungen, die zeigen, dass Digitalisierung auch in kleinen Gemeinden funktioniert.
Gerade im ländlichen Raum ist Digitalisierung eine Riesenchance, um Mobilität, Gesundheit, Verwaltung oder Ehrenamt neu zu denken.
Hessen ist in vielerlei Hinsicht ein interessanter Sonderfall, weil das Land einerseits vergleichsweise gut im Bundesvergleich positioniert ist, andererseits aber gleichzeitig mit strukturellen Herausforderungen ringt. Im Deutschland‑Index der Digitalisierung 2025 etwa liegt Hessen auf Platz 5 - hinter den Stadtstaaten, aber vor vielen anderen Flächenländern. Das ist stark und zeigt, dass grundlegendes Potential und viel Power vorhanden sind.
Gleichzeitig spiegeln meine Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit dem Land und vielen hessischen Kommunen ein differenziertes Bild: Hessen investiert viel in Digitalisierung, Programme und Förderkulissen, aber nicht alle Maßnahmen entfalten automatisch die gewünschte Wirkung. Hier zeigt sich dann auch, dass nicht immer alles so einfach planbar ist und man sich ständig selbst optimieren muss. Mit der Aufstellung des Hessischen Ministeriums für Digitalisierung und Innovation hat man aber eine wesentliche zentrale Voraussetzung geschaffen.
Was Hessen aber wirklich unterscheidet, sind drei Dinge:
1. Die enorme Vielfalt der kommunalen Landschaft
Hessen ist ein föderaler Flickenteppich mit vielen Kreis-, Mittel- und Kleinstädten, starken ländlichen Räumen und zugleich hochverdichteten urbanen Räumen. Das erzeugt Komplexität. Während in Großstädten wie Frankfurt „die Fäden bei einer oder wenigen Personen zusammenlaufen“, ist im ländlichen Hessen die Lage viel heterogener – mit vielen Stakeholdern, vielen Ebenen und hohem Abstimmungsbedarf.
2. Hessen ist kooperationsorientiert – aber braucht stärkere Zentralisierung
In Hessen existiert ein grundsätzlich hoher Wille zur Zentralisierung bestimmter digitaler Basiskomponenten, weil viele Kommunen erkannt haben, dass Insellösungen teuer und ineffektiv sind. Aus meiner Sicht funktioniert Digitalisierung besonders dort gut, wo sie sinnvoll zentral gesteuert
werden kann — etwas, das im föderalen System oft schwer umzusetzen ist. Das Bewusstsein dafür ist in Hessen stark ausgeprägt. Die ekom21 ist bereits an einigen Stellen ein starker Partner für die Kommunen.
3. Hessen hat strukturell einen hohen Koordinationsbedarf
Hessen bemüht sich stark um programmatische Konsolidierung, gemeinsame Plattformen und bessere Steuerung. Diese koordinierte Herangehensweise ist nicht in allen Bundesländern selbstverständlich.
Hessen unterscheidet sich von anderen Bundesländern somit vor allem dadurch, dass es zwischen zwei Welten steht: Einerseits hat das Land bereits gute Grundlagen und investiert viel in digitale Verwaltung und Smart‑City‑Themen. Andererseits hat es aufgrund seiner kommunalen Struktur und der Vielfalt seiner Regionen einen besonders hohen Bedarf an Koordination, Vereinheitlichung und zentralen Lösungen.
Was Hessen aber wirklich auszeichnet, ist die Bereitschaft, Probleme offen anzusprechen – wie etwa die Erkenntnis, dass manche Strategien noch nicht die erhoffte Wirkung entfalten – und gleichzeitig lösungsorientiert und kooperativ an Verbesserungen zu arbeiten. Genau das macht Hessen im Bundesvergleich besonders.